“Folk meets heart” ist die Kombi zum Sieg im 98. MuSoC Song Slam
Der Sommer war heiß. Michael Erle schreibt hier in seiner Ankündigung von Badeseen und Ballermännern und dem Sand, der noch zwischen den Zehen klebt und von unseren Künstlern eventuell mit auf die Bühne geschleppt wird. Die 7 Acts des Abends werden mit Sicherheit noch ihren eigenen Spätsommer im Herzen mit in die Drehleier nehmen und die Sonne scheinen lassen. Ja, richtig gehört, leider nur 7. Merry Chamen musste ihren Auftritt leider kurzfristig absagen. Ebenso müssen wir in der 98. Ausgabe des ältesten Song Slams Münchens ohne Michael Bohlmann auskommen, der aber nun bereits zum zweiten Mal von Tobi Künzel mehr als vertreten wurde. Vorweg möchte ich schonmal soviel verraten: es war ein MuSoC, der wieder einmal Neuland betrat, noch nicht dagewesenes auf die Bühne zauberte, mit neuen Musikstilen, neuen Musikinstrumenten und Performances, die es so noch nicht gab aufwarten konnte. Wieder einmal sitze ich am Rechner im hohen Norden an der Elbe, den einen Bildschirm offen für dieses Dokument, den anderen für die Liveübertragung aus München und knabbere an meinen Riffle Chips. Der Tag war schön, aber schon langsam recht kühl. Die kurzen Hosen kann man schon langsam in den Koffer packen. Zu den Sachen, die mitkommen, wenn man noch mal verzweifelt versucht, den Sommer im Süden Europas zu verlängern.

Die Anmoderation der Herren Sebastian und Künzel ist geschafft, die Zuschauer wissen Bescheid, was sie mit ihren Stimmen alles tun müssen, kumulieren oder panaschieren – und nun geht’s los.

Die erste Künstlerin auf der Nachsommerdrehleierbühne ist Marie Melody. Eine schöne Alliteration, die schon so ein bisschen verrät, dass sie sich mit viel Gewandtheit dem Wortwitz widmet. Sie singt in klassischer Liedermachermanier zur akustischen Gitarre und intoniert deutsche Texte, die sich sehr tiefsinnig doppeldeutig lesen und hören lassen. Im ersten Song zieht Marie sich zurück und wartet auf einen Kreis, bleibt nicht stehen, hört zu aber versteht nichts und man muss zweimal zuhören, um die vielschichtigen Botschaften auseinanderzufieseln. Auch der zweite Song ist schön ambig, er analogisiert das Schachspiel auf das Leben. Ich habe mich gefragt, welche Figur sie als Ich-Erzählerin letztlich ist. Ein schöner Auftakt in die 98.

Der zweite Künstler, Peter Franz Ekl, ist ein Liedermacher aus Rosenheim, der sich auf der Autoharp selbst begleitet. Dieses Instrument ist eine besondere Form der Zither und vor allem mal wieder etwas Neues auf der Drehleierbühne. Das hatten wir noch nie. Peter Franz performt mit diesem Instrument seine Lieder in deutscher Sprache, wobei, es ist weniger deutsch als oberbayerisch, oberboarisch mundartlich. Der erste Song gibt viele gute Wünsche an seine Enkelin weiter. Positive Vibes. Der zweite Song stellte mich zunächst vor leichte Probleme, sollte dann aber doch sich textlich als eine Hommage an den Baum in jeglicher Form herausstellen. Nur soviel sei gespoilert: in Rosenheim scheint man am “U” zu sparen.

Der Herr Sebastian moderierte sodann den dritten Act an, Mat Ferenc, und machte sich bei allen Kölnern beliebt. Mat musiziert nämlich in Ljubljana, London – und Düsseldorf. Und Herr Sebastian konnte nicht umhin, die naheliegende Frage zu stellen, warum gerade Düsseldorf, wenn man doch schon London und Ljubljana hat. Aber Mat antwortete mit Noten. Mit zwei schönen Balladen, Liebesliedern in englischer Sprache am Klavier vorgetragen, machte er mehr als Werbung für sich und die Musikszenen, in denen er unterwegs ist. Ljubljana ist übrigens auch wieder eine Weltpremiere im MuSoC. Das hatten wir noch nie. London ist irgendwie sowieso eine Welthauptstadt guter Musik. Und vielleicht muss man sich doch nochmal mit der Musikszene in Düsseldorf auseinandersetzen, die toten Hosen sind zwar noch unterwegs, müssen aber auch langsam mal an die Rente denken und dem Nachwuchs eine Chance geben. Auch wenn ich selber, ich gebe es zu, trotz Jacques Tilly und den Hosen, geistig moralisch auch eher zu Köln tendiere.
Stuttgart hingegen ist musikalisch relativ safe. Hier muss man keine Kompromisse machen. Die Fantastischen 4 haben so viel für Stuttgart getan, wie keine Marketingkampagne von Stuttgart-Tourism es je hätte können. Und im Umländle wuchsen seit jeher ebenfalls eine Menge Perlen aus der Auster. Tobias Dellit ist einer von denen, die mit dieser speziellen musikalischen DNA die Szene bereichern. Deutsche Texte, dynamische Musik und viel Ironie über den aktuellen Wahnsinn rocken die Bühne. Es geht um Ernährungstrends: glückliche Meere machen glückliches Salz. Ein wichtiges Thema, dem sich so wohl noch niemand angenommen hat. Es geht um Shiitake-Pilze (wie buchstabiert man das eigentlich?), das Trendfood. Sein erster Song beginnt eine gesellschaftlich längst überfällige Pilzdiskussion. Aber Champignons waren meiner Meinung nie wirklich 90er, sondern eher 80er. Der Austernpilz war dann mehr 90er, finde ich. Seinen zweiten Song spielt Tobias dann die Sekunden runter bis zum Hahn, der nun auch endlich mal ran durfte.
MuSoC wäre nicht MuSoC wenn wir uns nicht nur für Pilz- sondern auch die Kunstfreiheit vehementest einsetzen würden. Und deshalb sind die nächsten beiden Acts auch mal wieder Nova und willkommene Innovationen auf unserer Bühne. MuSoC schreibt Geschichte. Und so kommt mit Judith Klingholz nun Gesangsperformancekunst in die Drehleier. Judith, studierte Musiktechnik-Spezialistin, streamt sich hier ihre eigene Hintergrundmusik. Verfremdete Stimmen, Drehorgelmusik, undefinierte Geräusche sind zu hören, so sie ihren Song “Anxious Ballet” vorträgt und dabei puppenhaft im rosa Kleid die entsprechenden Tanzbewegungen vollzieht. Das hatten wir noch nie. Ihr zweiter Song “Flickering Flame” war dann leider im Stream von flickering interruptions gestört, jedoch war der Ösophagus wieder frei von Dysphagie und lief klar bis zum Schluss.
Die nächste Anmoderation enthüllte, daß der Tobi ein großer Fan der Kunstform Rap ist und sich von daher auf den nächsten Act freut. Das an sich ist noch nichts neues, wir erinnern uns an Martin, the Moon 2000. Exzellenz rezitiert seine Texte ebenfalls zur Musik aus der eigenen Box und tut dies mit überzeugtem Nihilismus. Sein Werbeposter allein ist schon dramatisch. Es zeigt, was KI im grafischen Bereich alles kann. Seine Videos setzen da noch einiges drauf. Wer KI generierte Clips mag, sollte sich die Videos anschauen. Exzellenz’ großes individuelles Merkmal ist die aufwendige Maske. Sie erinnert an den Joker. Das hatten wir noch nie. Die Texte sind ausnahmslos zeitkritisch, handeln vom Konsumterror, von Ungleichheit und Machtkonzentration. Soll man…? Muss man gehen, wenn es soweit ist? Ist es soweit? Bella Ciao. Vaterland.
Der letzte Act des Abends war dann zum Abschluss – mal wieder – sehr klassisches Singer Songwriting vom Feinsten. Wir begrüßen Steffi Erdinger aus Augsburg in München. Steffi E. bringt den großen weiten Westen auf die Bühne, noch viel weiter westlich als Augsburg. Ihr Style reicht weit in Soft-Folk, Country, Bluegrass hinein. Meist in Englisch, aber auch mit deutschen Texten gibt es Steffi-Songs, schaut einfach mal in ihr YouTube Profil. Sie selbst beschreibt ihr Musikgefühl als “Folk meets heart.” Steffi hat als ersten Song “Back to Love” mit nach München auf die Bühne mitgebracht. Den kann man auch schon auf den einschlägigen Diensten hören. Der zweite Song handelt vom wieder Ankommen bei sich selber nach dem Ende einer Beziehung und heißt schlicht “Goodbye.” Wir sind gespannt, ob Steffi sich ins Halbfinale gesungen hat oder ob es vielleicht für sie schon ein Goodbye ist.
Ich sitze ja vor dem Bildschirm und schreibe darüber was ich sehe. Mein Vorteil ist, daß ich jahrelang vor Ort war, Fotos gemacht habe und immer durch die Kamera gelaufen bin, die Drehleier also sehr gut kenne. Allerdings stoße auch ich an meine Grenzen, wenn der Stream abreißt und Goodbye sagt. Steffi war zum Glück der letzte Act der Vorrunde weshalb ich keine Künstler verpasst habe. Leider sind wir dann erst wieder eingestiegen, als die Zwischenrunde schon im Gange war. Das hatten wir noch nie.

Die Runde der letzten drei durften sich noch einmal zeigen. Peter Franz Ekl, Judith Klingholz und Steffi E. haben sich zumindest schon einmal aufs Treppchen performt. Der ganze Abend schon, aber auch die drei Finalisten alleine zeigen die fantastische Bandbreite des ältesten Song Slams Münchens. Peter Franz Ekl durfte dann den Prostpreis in Empfang nehmen und hat auf die Bäume, die Baahm, angestoßen. Nach den beiden Zugaben der sehr unterschiedlichen Acts kam nun aber die Minute der Wahrheit auf den Screen.

And the winner is…[Trommelwirbel]… Steffi E. Sie konnte sowohl die abgegebenen Stimmen als auch das Saal-Applausometer für sich vereinnahmen. Ein tolles Ergebnis für Steffi, ein tolles Ergebnis für beide, denn natürlich qualifiziert sich auch Judith Klingholz für das große MuSoC Finale 2026 am 8. Dezember mit allen Erst- und Zweitplatzierten der Song Slams von diesem Jahr.
Herzlichen Glückwunsch Steffi, Judith, Peter Franz und allen, die in der 98. Ausgabe teilgenommen haben. Ihr habt die Musikszene Münchens wieder einmal durch einen grandiosen Abend bereichert und wir hoffen natürlich, dass hier wieder Weltkarrieren auf den Weg gebracht wurden. Wie schon so häufig. Vielleicht.
Tragt Euch die beiden nächsten Termine ein, das MuSoC Jahr 2026 neigt sich damit dem Ende entgegen, aber natürlich nicht ohne einen Song Slam Jahreschampion 2026 zu finden. Wir sehen Euch in der Drehleier und im Stream.
Und falls jemand einen Künstlernamen für Steffi weiß möge sie oder uns anpingen.