Chansongwriting in der Drehleier – Abe macht das Rennen um den 96. MuSoC

Heute ist der fünfte Tag des zweiten Monats im Jahr 2026. Wer den Foto-Kalender, den einem die Kinder zu Weihnachten geschenkt haben, noch nicht auf Februar umgedreht hat, sollte das langsam tun. Die Welt steht so ein bisschen Kopf in diesem Winter. In Hamburg schneit es, der weiße Puderzucker liegt auf den Straßen, bedeckt die darunterliegende blanke Eisschicht und das Thermometer ist nach 2 Wochen gerade wieder aus bitteren Minusgraden gen Null gestiegen. In München auf der Webcam vom Marienplatz ist nix mit weiß und es hat plus 3 Grad. Normal war das mal andersrum. Aber was ist heute schon normal. So ein bisschen normal ist, dass es wieder den Munich Song Contest gibt, denn den gibt’s inzwischen schon zum 96. Mal und ich kann mir inzwischen gut vorstellen, dass wir die 100 schaffen. Und deshalb sitze ich auch wieder vor dem Stream und an der Tastatur und freue mich riesig auf das MuSoC Jahr 2026. Auf alte Bekannte. Auf neue Acts. Auf dramatische Auszählungen und auf mein Popcorn (Zartbitter-Minze). Aber nun geht’s los.

Herr Bohlmann ist wieder mit von der Partie. Zuletzt geschwächt, verhindert und hervorragend vertreten von Herrn Künzel können wir nun wieder der bewährten Kombi der Herren Sebastian und Bohlmann zuschauen und -hören. Und wie immer geht es los um genau zwischen Acht und irgendwann. Auf geht’s. Hier ist das Line-up.

Felsongwriter
Wie ist das Gefühl, wenn man einfach nicht aus dem Haus will. Da braucht man Vertrauen. In sich selbst, in die Welt da draußen und darin, dass irgendwie alles Gut geht. How can I trust singt Fel als ersten Song. Fel bringt nachdenkliche Themen und sagt von sich selbst, sie hat keine fröhlichen Songs im Repertoire. Aber das ist ja doch immer schon eine Quelle der Inspiration für gute Singer-Songwriter und ihre Songs gewesen: die Hürden, die Schwierigkeiten, die man aus verschiedensten Gründen im Alltag bewältigen muss. Der zweite Song beschwört den Peace of mind, die innere Ruhe, die einem eben hilft, dass am Ende alles Gut geht. Oder es ist noch nicht das Ende.

Anton Ripatti
Wir hatten vor vielen Jahren einmal einen Hund auf der Bühne. Einen Zuschauerhund, der es sich bei einem Auftritt eines Acts auf der Bühne gemütlich gemacht hat. Anton Ripatti hat seinen eigenen mitgebracht. Den hat er erstmal aufgezogen und dann wackeln lassen, bevor er seinen eigenen Haufen Elektronik zu seinen Füßen geordnet und verkabelt hat. Anton macht Babakamusic, eine Melange aus Performance, Musik und Lichtkunst mit einer getunten Gitarre und allerlei möglichen und unmöglichen Tönen aus der Elektronik hinterm Hund. Inhaltlich geht es dabei um Marie. Wen auch sonst.

Anna Jukebox
Sie singt, und sang schon immer. Und früher anscheinend soviel und so oft, dass sie sich einen Spitznamen verdient hat. Den sie aber auch gleich Lügen straft, wie auch sonst alles und den Rest. So spielt sie zum Beispiel als ersten Song den Single Blues, der aber kein Blues ist. Ebensowenig wie Anna ja auch keine Jukebox ist, denn sie covert nichts sondern singt eigenes Liedgut. Auch spielt sie nicht Trompete. Vielmehr swingt sie sich mit der Guitarlele durch einen lustig-bissigen Text über die Zustände des Singledaseins. Kennen wir ja alle, können wir auch ein Lied von singen.

The Moon 2000
Wir erinnern uns an die Kiss-Cam. Eine Kiss-Cam in einem Coldplay Konzert wurde einem CEO und der HR Chefin eines US-Tech-Unternehmens zum Verhängnis, da ihre Küsse nicht hätten sein dürfen. Anscheinend gab es beim letzten Auftritt von Martin und Markus viele CEOs und HR Chefinnen im Drehleier Publikum, denn auffällig viele Zuschauer drehten sich beim Selfie vom Moon2000 in Richtung Publikum um und weg. Jetzt wissen wir also, wer die MuSoCs so besucht. The Moon2000 jedenfalls besuchen den MuSoC sehr häufig und immer wieder. Den Weg aus Regensburg nicht scheuend finden sie treue Fans in der Drehleier sodaß sie sich hier schon wie im zweiten Wohnzimmer fühlen. Die Performance mit Elektropop und der Rockgitarre von Markus zeigt perfektes Timing bis zum Hahn.

Laura Baird
Die Liebe hat Laura aus Australien nach Helsinki verschlagen und deshalb ist sie jetzt bei uns in München. Klingt komisch, wird auch nicht weiter aufgelöst und bietet so ein bisschen einen Cliffhanger, denn wenn wir das nochmal irgendwann genauer wissen wollen, müssen wir dranbleiben. Vielleicht kommt die Lösung ja im Finale? Laura performt am Klavier mit klarer Stimme sehr gefühlvolle Songs, schön arrangiert und eingängig und ermutigt jeden, die Komfortzone zu verlassen im ersten Song „Stargazer.“ Und mit Kritik umgehen zu lernen in “Words.”

Deshisami und Bossvonchef
Energydrinks sind das Geheimnis der Rapper Deshisami und Bossvonchef. Aus Bangladesh nach München zum Rappen, das gibt es alles in der Drehleier. Als Generation X, der den HipHop über seine gesamte Lebensspanne von nunmehr 50 Jahren verfolgen durfte und ihn zuletzt so ein bisschen aus den Augen verlor, bin ich ziemlich überrascht, was die beiden in die Mikros rappen. Das ist HipHop allerbester Schule, das Kondensat aus 50 Jahren. Ein stabiles Sample ausgesucht, geloopt, freestyle drüber gerapt und dabei die ganze Verkabelung verdreht, das ist HipHop wie eh und jeh. Geordnetes Chaos. Gibt es genügenden HipHop Fans dass es für die Endrunde reicht?

Abraham “Abe” Shoutsider
Wenn der Herr Sebastian im Frankreich-Urlaub nicht noch etwas dazulernt, wird ihm das Baguette avec Fromage nach 3 Tagen zum Hals raushängen, er wird an Mangelernährung und Überkäsung eingehen und sich den Abe an seiner Seite wünschen. Der Mann singt französisch, und das perfekt, denn er kommt von daher und könnte sicher Abwechslung in den Speiseplan von Herrn Sebastian bringen. Noch viel besser allerdings als Herrn Sebastian im Urlaub zu begleiten ist, ihm auf die Drehleier Bühne zu folgen und 6 Minuten feinstes französisches Chan-Songwriting darzubieten. In der Schule war Französisch ja mein erstes Abwahlfach, in der Musique hingegen gibt es wenig Sprachen, die besser gesungen klingen. Vielleicht noch Plattdütsch.

Crisa
Mit dem Kieferknochen von seinem letzten Haustier aus Peru, der Größe nach muss das ein Mammut gewesen sein, geht Crisa auf die Bühne und legt sich zunächst einmal scheinbar komplizierte Technik vor die Füße. Ein Cajon, eine mysteriöse Schachtel und eine merkwürdige Box werden platziert und dann legt Crisa an der Loop los. Bis hierhin war es ja nur Neugierde, was dieser Wuschelkopf alles dabei hat. Aber dann zaubert er aus den Gegenständen, ja, auch aus dem Mammutkiefer, Rhythmen und Geräusche, kombiniert das in der Loop zu einer Grundierung und rezitiert seinen spanischen Text dazu wie in einem peruanischen Arthouse Film. Es gibt immer wieder Neues in der Drehleier. Maravilloso.

Was für ein internationales Line-up. So viele Kilometer haben wir noch nie auf der Bühne zusammen bekommen. Wir haben Acts gesehen von Singer-Songwritern aus Australien, Brasilien, Frankreich, Bangladesh, Peru und Regensburg. Wahnsinn. MuSoC goes around the world. Fragt sich jetzt, welche drei in die Endrunde kommen. Gibt es genug Stimmen für HipHop und Rap, für Elektropop, für klassisches Songwriting, Französische Chansons, Rhythmische Cajonloops oder Performance Art. Ich bin raus, ich will es wieder nicht entscheiden müssen.

Aus der Pause kommen dann die drei meistgewählten und das sind Felsongwriter, Abraham Shoutsider und Anna Jukebox. Es hätte aber auch wirklich jeden anderen treffen können.

Die erste Runde der Zugaben sieht Fel, ungläubig über ihren Einzug in die Zwischenrunde mit einem schnellen Song über das eigene Chaos, Anna Jukebox mit einem Song mit dem frankophilen Titel „Melancholie Cinematographique“ und Abraham Shoutsider mit einem Rap über Musik als Hilfe durch die Untiefen des Lebens.

Nun aber wollen wir uns um die Resultate kümmern. Die Stimmenauszählung ergab zunächst einen großartigen dritten Platz für Anna Jukebox, die ihren verdienten Prostpreis von Herrn Bohlmann entgegennahm. Abe und Fel durften noch einmal spielen und dann der letzten Auszählung entgegenfiebern. Das Applausometer ergab noch einen Bonus für Herrn Shoutsider, der am Ende auch ohne den Bonus die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte. Abraham Shoutsider ist der Gewinner des MuSoC Nr. 96 und darf sich freuen, am Ende des Jahres um den Titel des Jahreschampions mitzusingen.

Ein großer Glückwunsch an alle, ein fantastischer, vielfältiger und bunter Abend in der Drehleier geht zu Ende mit tollen Acts, die so super waren, dass sie alle den Sieg verdient hätten. Und die Botschaft hier ist, sich einfach nochmal zu bewerben, erneut die Drehleier zum Beben zu bringen und die Kleinkunstszene in München zu beleben. Kommt alle, singt mit, spielt mit, kommt als Zuschauer ins Theater, wenn es nicht geht in den Stream und unterstützt alle, die mit Freude und Kreativität die Kunst und Kultur hochhalten.
Bis zum 97. Song Slam. Wir wollen Euch alle wieder sehen.