Lena Drei ist Lena Eins im 97. MuSoC Song Slam

Es ist wieder Sommerzeit. Es ist Semana Santa. Es ist Donnerstag. Es ist Song Slam. Es ist Watch Party. Endlich wieder dürfen wir den Donnerstagabend im Kreise Gleichgesinnter und Liebhaber der leichten Muse in einer Spelunke in Haidhausen zu München oder am Stream verbringen und die Perlen der Singer-Songwriter Szene wie Kaviar auf Ei präsentiert bekommen. Ich sitze wieder vor dem Bildschirm und fiebere von der Ferne mit und nehme mir das große Marzipan-Ei vor, das genau jetzt in den folgenden zweieinhalb Stunden seine endgültige Bestimmung finden soll.

Der Munich Song Connection Song Slam an diesem Gründonnerstag, den 2. April 2026 kommt gerade richtig, um es vor den ruhigen Oster-Tagen nochmal richtig krachen zu lassen. Am Freitag ginge es bekanntermaßen nicht. Sorry, aber ich muss an dieser Stelle nochmal an folgende Regel erinnern: “Karfreitag ist der strengste sogenannte stille Tag. Verboten sind öffentliche Tanzveranstaltungen, oft auch Musikdarbietungen in Gaststätten (!), die nicht dem ernsten Charakter des Tages entsprechen.” Was bedeutet, dass der heutige Gründonnerstag der letzte Feier-Tag – also ein Tag an dem man noch feiern darf, außer in Rheinland-Pfalz – vor den Osterfeiertagen ist. Zum Glück für uns und den MuSoC, dass der Donnerstag quasi nie auf einen Freitag fällt. Es hätte hier diesmal auch kein Schlupfloch gegeben: niemand aus dem Set – soviel sei schonmal verraten – hat etwas gesungen, was dem ernsten Charakter des Tages entsprach; niemand hat über Kreuzigung, Tod, Folter oder Ostereier gesungen. Nein – es war vielmehr ein bunter Abend mit vielen tollen Acts und Songs zum schmunzeln und zwinkern. Am Karfreitag dann könnte man sich den Stream ganz privat nochmal anschauen und sich über den gelungenen Abend freuen, den Video-Link mit allen teilen, die das Event verpasst haben, um dann mit frohem Herzen zum Mittagessen zum Fisch zu Omma zu fahren und zum Nachtisch der Todesstunde, des Leidens und Sterbens zu gedenken.
Dieser 97. MuSoC füllt also am Gründonnerstagabend noch einmal den Akku mit Frohsinn für die kommenden Tage. Und der Abend versprach mit dem angekündigten LineUp ein Feuerwerk. Kleiner Spoiler: es war ein wahres Feuerwerk. Aber hier und jetzt in gewohnter Form wieder die Details.

Die beiden gestandenen und mit allen Abwassern gewaschenen Showmaster, die Herren Sebastian und Bohlmann, eröffneten wie gewohnt locker lässig den Abend um genau irgendwann nach Acht und bilden damit den Ankerpunkt des Ablaufs. Aus logistischen Gründen fanden sich leider nur 7 der angekündigten 8 Acts ein. Aber der Abend konnte losgehen.

Sam Folder
Diesen Donnerstag stehen wieder internationale Singer-Songwriter aus aller Welt auf der Bühne, und den Anfang macht Sam Folder aus der Schweiz. Hoi, Sam. Willkommen in München, wo man auch so sprechen kann, dass man im Rest des Landes nicht verstanden wird. Kann. Nicht muss. Sam auch, er spricht Schwyzerdütsch, singt aber Englisch und tut dies mit einer Verve und einer Reibeisenstimme, die ganz eindeutig aus der Rock-Ecke kommt. Sam ist auch schon weltweit rockend unterwegs gewesen und man bekommt richtig Lust, die beiden Songs einmal elektrisch und mit Drums und mit Band und in Laut zu hören. Tipp: hört ihn mal auf einem Streaming Dienst Eures Vertrauens an.

Micha Kern
Ein ganz anderer Stil des gepflegten Entertainments ist der von Micha Kern aus Übersee. Ich habe ja schon oben gesagt, dass wir internationale Künstler am Start haben und Micha kommt aus Übersee. Gut, es gibt auch ein Brasilien an der Ostsee. Ist neben Kalifornien. Und Sibirien ist auch nicht weit weg – in Schleswig-Holstein. Aber Übersee liegt am Chiemsee, und das ist bekanntermaßen nur von außerhalb betrachtet so richtig international. Aber wenigstens gilt das für den allergrößten Teil dieser Welt. Zurück zu Micha, sonst kommen wir vom hundertsten ins tausendste. Micha kann Gitarre. Und Bass. Und Drum. Und Melodie. Alles zusammen. Will sagen Fingerstyle, wo man mit zehn davon auf 6 Saiten herumzupft, so daß das geneigte Ohr denkt, es sei eine Gruppe von mindestens 4 Musikern am Start. Das ist super cooles Zeug, das schon den ersten MuSoC Jahreschampion überhaupt gekrönt hat. Sebastian Klein grüßt uns aus Augsburg. Und Tommy Emmanuel grüßt uns aus Australien nach Haidhausen oder Übersee.

Lena Drei
Die Regensburgerin Lena ist die Dritte im heutigen LineUp und deshalb heißt sie, nein, nicht deshalb heißt sie Lena Drei. Sie heißt so, weil sie nicht die einzige Lena in Regensburg oder in der Musikszene oder auch in den Adressverzeichnissen ihrer Freunde ist, sondern meistens kommen da noch zwei davor. Ob sie auch die Dritte Lena in der Band “Ungeschminkt” ist, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass man auch als Nummer Drei aufs Treppchen kommt und eine Medaille gewinnt. Und dass es auch ein besserer Bühnenname ist als Lena Einhundertsiebenundzwanzig. Lena singt sich die Seele frei. Ihr Song beschreibt die Folgen der falschen Partnerwahl, mit Baby sitzen- und alleingelassen darf der holde Ex so frei sein, ein Arschloch zu sein.

Ukulelenprediger
Und es geht weiter mit internationalen Acts. Samuel Beck aus Berlin und Johann aus Neu-Ulm treffen sich nicht ganz in der Mitte, sondern in Haidhausen zur Ukulelen-Predigt. Und wer nun denkt, “Jesses, da ist er doch, der klerikale Bezug zu den unmittelbar bevorstehenden Feiertagen”, der schaue sich nur mal die professionellen Eckdaten von diesem Prediger an: Zirkusmusiker, Philosoph, Berliner, Ukulelenspieler. Ich befürchte, da ist auch nicht viel dabei, was dem ernsthaften Charakter des Osterfestes entspricht. Ist auch so. Denn in seinem Song outet er sich als “stets bemüht.” Ein durchaus sehr weltlicher Zustand. Und auch nicht wirklich ernsthaft. Macht aber Spaß dafür. Ein letztes Mal Spaß vor Ostern?

Saitensound
Nein. Denn Jens, der Saitensound bringt ebenfalls eine schmunzelige Geschichte im Singer-Songwriter Stil eines Reinhard Mey auf die Bühne, so sagen wir es ja eigentlich fast jedes Mal. Aber Obacht, das kann Folgen haben. Bitte macht Euch mal Schlau bei Lennart Schilgen, der hat nämlich schonmal Post von Reinhard Meys Anwalt bekommen. Also lassen wir das und sagen ab jetzt einfach, daß der Saitensound seine Geschichten im Stil eines Jens Drescher singt. Und eigentlich ist das auch gut so, denn der macht das schon gut auf seine eigene Weise. Seine Geschichte an diesem Donnerstag handelt vom Bademeister, der als Ausbildungsberuf einen schrecklichen offiziellen Titel trägt, den Saitensound hier regelrecht zelebriert und seziert. Und wir haben wieder Spaß beim zuhören und schmunzeln.

chromaclara
Die Drehleierbühne ist immer wieder auch ein Ort, wo tolle junge Talente auftreten und die ersten Meter auf der Bühne zurücklegen können. Clara tut dies am Klavier am heutigen Abend, auf der Seitenbühne. Und sie macht das toll. In Ihrer Ansprache stellt sie erst einmal klar, dass die Schule als Ganzes das Thema ihres Songs ist. Wir hören Ihren Song und ich muss sagen, das war jetzt keine Hommage. Mit zerbrechlicher Intonierung und in einer gut durchkomponierten Ballade vermittelte uns chromaclara die Botschaft, dass zumindest ihre Schule leichtes Verbesserungspotential hat. Ich möchte hier mal hoffen, dass sie da erstens gut durchkommt – Schule kann nämlich durchaus auch Spaß machen – und zweitens, dass sie noch viele Songs schreibt und diese bei uns auf der Drehleierbühne zum Besten geben wird.

Cammi Kol
Warum kommt jemand aus Australien in den MuSoC in die Drehleier? Weil’s so weit weg ist. Viele Meilen gesammelt hat Cammi Kol, die sich aus Melbourne auf den Weg gemacht und beim 97. Songslam den Preis für die längste Anreise verdient hat. In guter Chronistenmanier habe ich natürlich erstmal Melbourne gegoogelt. 16.140 Kilometer von München entfernt, geflogen. Es wäre kürzer, sich 12.700 km durch die Erde zu bohren. Aber wahrscheinlich nicht schneller. Sieht man am Brenner Tunnel. Aber Australien ist gedanklich ja sehr nah. Nicht nur wegen Tommy Emmanuel. Wir hatten schon den einen oder anderen Australier im Programm und beim Eurovision sind sie ja auch dabei und überhaupt wurde ja gerade erst eine Freihandelszone beschlossen. Aber bevor man die Strecke pendelt, bleibt man doch lieber hier. Zumindest Cammi. Deshalb singt sie auch als erstes ihren Song mit dem schönen Titel: “Forever in Germany.” Solange sie nicht “Stuck with you” singt, ist alles gut. Und wir freuen uns sehr, dass sie hier ist und die Drehleier und die Musikszene in Europa bereichert.

Und das war der erste Teil des 97. MuSoC an diesem Gründonnerstag. Welch ein Fest wieder einmal. Welche eine Bürde für alle im Saal und am Stream, die ihre Stimmen abgeben müssen. Welch schwierige Entscheidung.

In die Pause wurden wir Streamer dann ins Tonlose entlassen. Der Herr Sebastian, munkelt man, hat sich was spezielles ausgedacht, was nur die geneigten Livezuschauer miterleben können. Bitte fragt mich nicht. Ich hätt’s ja gern gesehen. Aber dafür muss man eben doch mal wieder hin. 800 Kilometer wären’s gewesen, ungefähr so weit wie Melbourne nach Sydney. Vielleicht klappt es demnächst ja mal wieder. Bis dahin sehen wir im Stream die beiden Showmaster und wundern uns, denn die ersten Minuten blieben ohne Ton. Also hieß es: hinschauen. Die Säulen auf dem Chart im Screen fluidierten auf und ab und es blieben am Ende drei davon stehen. Eine beim Micha Kern, eine beim Ukulelelelenprediger (Tastaturpreller) und eine dritte bei Lena Drei. Als ob es so sein sollte. Fantastisch. wir hören also noch einmal Zugaben der Drei bevor es in die letzte Phase geht.

Micha Kern, Lena Drei und der Ukulelenprediger geben noch einmal alles und das ohne Limit. Traditionell bekommt der dritte Platz den Prostpreis und macht dann die Bühne noch einmal frei für die Zugaben der letzten zwei. Lena Drei holt sich den Dritten? Nein. In diesem Fall darf der Prediger mit der Ukulele den Prostpreis für den dritten Platz entgegennehmen. Und Micha Kern und Lena Drei dürfen noch einmal auf die Bühne.

Am Ende ist Lena Drei unsere Lena Eins. Die Regensburgerin konnte sich gegen den Überseer durchsetzen mit deutlichem Vorsprung, den auch 10 Applausometer-Sonderpunkte nicht hätten einholen können. Haben sie auch nicht.

Wir haben eine tolle Gewinnerin, die sich mit kritischen Texten und klassischem Singer-Songwriting gegen die unglaubliche Virtuosität von Micha an der Gitarre durchsetzen könnte.

Allen anderen gebührt aber auch ein großer Dank für einen schönen Abend vor Ostern, für einen MuSoC, der wieder große Kunst gesehen hat und für die ganze Kreativität, die auf die Bühne gebracht wurde.

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