Fotofinish! Alternativer Hiphop knapp vor Angel-Buam-Blues

Der 1. Mai ist Tag der Arbeit, der 2. Mai ist Tag des MuSoC. So die Theorie. In der Praxis hat sich halb München wohl direkt von der Mai-Demo auf ein langes Wochenende in die Toskana abgesetzt. Ich musste vormittags nach Schwabing und habe es leibhaftig erfahren: die Stadt war leer an diesem 2. Mai 2019, man kam überall durch. Der MuSoC hat das leider zu spüren bekommen, die Drehleier hätte noch ein paar Besucher mehr vertragen. Die, die nicht dabei waren oder sein konnten, weil sie in der Datscha oder bei Alfons Schubecks 70. Geburtstag waren (“Eben, drum.”), haben was verpasst. Aber wir bieten natürlich Full Service, rapportieren und liefern die Bilder zum MuSoC. Wie immer.

Zunächst aber ist leider der Opener ausgefallen. Die Gewinner des MuSoC #55, die 4 von Gurdan Thomas sind ohne Gurdan Thomas leider unvollständig. Jener lag mit Erkältung und offensichtlich ohne Ingwer Tee darnieder. Und so eröffnete der erste Act, Josef Hien den Abend.

Josef Hien ist mal wieder zu Gast.

Josef hat sich bereits 2016 dem gnadenlosen Votum des MuSoC Publikums gestellt, damals an der Gitarre. Es fehlten damals nur 3 Punkte auf die erstplatzierte Band Change of Scenery. In der Zwischenzeit wurde kein geringerer als Konstantin Wecker auf den ausgebildeten Opernsänger Josef aufmerksam und verlegt nun seit Februar seine CD “Mit Dir” auf seinem Label. In der Drehleier beginnen Weltkarrieren. An diesem MuSoC Abend öffnete er den musikalischen Reigen mit einem etwas anderen Liebeslied, das sich mit den Gedanken über das Ende von allem beschäftigt. Schwere Kost am Anfang.

Der Hoaddntreiber treibt seine Gitarre zu Höchstleistungen an.

Im vollen Kontrast dazu trat dann der zweite Act auf, der Hoaddntreiber. Und hier streckt der Verfasser die Flügel. Denn viel von dem was da auf der Bühne stattfand habe ich linguistisch echt nicht verstanden. Es wurde schnell klar, musikalische Wurzeln zwischen Fesl und Söllner, hat der Hoaddntreiber irgendwie das Isartal und Treckerfahren im Blut, rockt laut und schräg auf der Gitarre über Besuche im Swingerclub und kann 6 Minuten aus seinem Repertoire medleymäßig durchspielen. Der Hut war super. Mit Blume.

Gondhi macht es alternativ und HipHoppich.

Gondhi, der dem Gastgeber Alex Sebastian spontan die Neffenschaft anbot, musste sich anstrengen um seine recht erwartungsgeladene Selbstbeschreibung mit Proof zu füllen – und tat dies dann auch erfolgreich. Zuerst wurden wir mit „Moin“ begrüßt, jetzt schon das zweite Mal nach Ines Wagner im April. Nach dem inhaltlichen Kontrastbogen von stillem Abschied zu bayrischer Agrarsatire folgte nun der erneute Artensprung zur Gondhis Lieblingssonntagsbeschäftigung: chillen. Zuhause. Mit Tüte, Pizza und ein bisschen fettem Brot. Musikalisch chillte er das jedoch eben gerade nicht durch, sondern brachte das ganze kraftvoll und komplex ins Mikrofon und die DI Box.

Und der Norden konnte noch mehr. Stefan Eiberger, Hamburger Migrant im Süden (wie der Verfasser) konnte sich bereits auf Festivals in Hamburg (u.a. Becks) einem großen Publikum präsentieren, machte zwischendurch etwas Familienpause um nun mal wieder auf der Bühne zu stehen. Stefan bediente zunächst ganz Nordisch das klassische Bild von vorbeiziehenden Containerschiffen (der Verfasser freut sich schon auf nächstes Wochenende an den Landungsbrücken mit Matjesbrötchen und Astra) um dann in Englisch den Sorgen Lebwohl zu sagen (Farewell to sorrow).

Sandra Hollstein beim Liebesliedsingen.

Ein bisschen Gurdan Thomas, ein Viertel um genau zu sein, war dann doch anwesend. Sandra Hollstein von der genannten Combo nutzte die Gelegenheit, um ihr Soloprogramm vorzustellen. Ohne Akkordeon (12kg) aber dafür am Klavier löste sie den traurigen Kloß, den Josef dort auf den Tasten hängen hatte hängen lassen und setzte ein positives Liebeslied drauf. Und dann gab Sandra auch noch einen Song, den es quasi noch gar nicht gab, der erst kurz zuvor Vorspielreife erlangt hat. Es war nichts weniger als your Song, my song, ein believe Song und ein super Song für eine (weitere) Weltpremiere in der Drehleier.

Als Katrin Freiburghaus am letzten MuSoC für uns mit ihrem Poetry Slam die Pause verkürzte, kam sie auf den Geschmack und meldete sich gleich für den 56. MuSoC ins Lineup. Ihre tiefsinnigen Texte gibt’s nämlich auch mit Musik drumrum. Und so lernten wir, dass man mit Keksen (2 Tassen Butter, 2 Zucker und 4 Mehl) sich zwar über einen sinnlosen Konflikt hinweg beschäftigen kann, aber ob sie zur Deeskalation taugen muss noch bewiesen werden. Das zweite Lied behandelte halbe Sachen, wurde nur zur Hälfte fertig und dann ungefähr bei der Hälfte durch den krähenden Hahn beendet. Halb aber konsequent.

Was macht Herr Sebastian mit den Buam?

Und dann wurde es wieder feucht-fröhlich-südlich. In Lederhosen, mit Kontrabass, Cajon und zwei Gitarren kamen die X.AngelBuam auf die Bühne. Ursprünglich aus einer Weihnachtsstimmungsband hervorgegangen, spielen sie jetzt einfach das ganze Jahr durch und interpretieren den Namen im Sommer als G’sangel Buam und im Winter als X(-mas)-Angel(Engel) Buam, oder auch Weihnachtsengelbengel wie es nördlich der Elbe heissen würde. Und sie gaben uns den Blues. Der zweite Song “Weiba Weiba Weiba Weiba” (Interpr. Baila Baila, G.Kings) wurde vom Hahn jäh beendet. Ein echter Cliffhanger, denn wer das Ende hören wollten musste die Bengel ins Finale wählen.

Der letzte Act vor der Sommerpause nahm das Thema Spanien nahtlos auf. Jedman, ein musikalischer Weltreisender hat tief ins eigene Archiv gegriffen und uns von der Fiesta am spanischen Strand erzählt, wackelnde Hinterteile und viele – wahrscheinlich flüssige – Geschenke inklusive. Der leicht Bossa-Nova-ig angehauchte Flow untermalte die Grundstimmung, die der Verfasser noch bis drei Tage zuvor an der Costa Blanca live und in Farbe genießen durfte.

Roland Hefter versingt sich, weil er von der Seite fotografiert wird. Ja, Strike.

Die Pause gehörte Roland Hefter, bekannt als Vorprogramm von Monika Gruber und als Protestsonginterpret vor der Landtagswahl letztes Jahr in Bayern. Roland ist mit dem Radl aus Ramersdorf angereist, wo schon der bereits erwähnte Fredl Fesl sein Unwesen trieb. Seine Lieder sind gesungene Therapiesitzungen. Was man ins eigene Leben mitnehmen kann ist z.B.: die Hoffnung stirbt zuletzt, weil wenn sie als erstes sterben würde wäre es ja schon gleich vorbei. Oder, des wird schon no, man soll es alles nicht so schwer nehmen, besonders nicht das Alter, denn im Schnitt sind wir eh alle gleich alt. Ein Besuch einer Sitzung bei Roland Hefter lohnt sich also auf jeden Fall.

XAB (oben) und Gondhi bei der Zugabe

Und dann wurde es wie immer spannend. Zuerst wurde Sandra Hollstein als Drittplatzierte gefeiert. Es sollte ihr ein Ansporn sein, noch das letzte Tüpfelchen des neuen prima Liedes auszuarrangieren. Die Zugaben dann wurden von Gondhi und den X-mas Bengeln dargeboten. Denn die beiden Acts konnten die meisten Punkte auf sich einen. Gondhi wurde dann der Beschreibung mehr als gerecht, dass sein alternativer HipHop die Grenzen zum Obszönen schneidet und sang zunächst vom Berufsverkehr und dann wie ein krasser Gangsta-Hip-Hopper als zweites von [zensiert] und [zensiert] mit echter [zensiert]. Die Buam durften danach ihr unterbrochenes Lied zu Ende bringen und dem Publikum die Auflösung von Hannelore und dem Opel Commodore präsentieren.

Nach dem Applausometer gibt es den Gewinnerfingerzeig.

 

Das Applausometer musste ran. Die entsprechenden Dezibel haben zuguterletzt das äußerst knappe Votum des Publikums bestätigt und Gondhi nach vorne gepeitscht. Nur einen Punkt war der Unterschied zwischen den ersten beiden, ein echtes Fotofinish. Und anläßlich der bevorstehenden Europawahl forderte Gondhi in seiner Dankesansprache an die Drehleier-Wähler dann auch alle im Saal auf, auch am 26. Mai wählen zu gehen.

Wir gehen jetzt in die Sommerpause und freuen uns darauf, im September den 57. Song Slam wieder für Euch zu veranstalten. Gondhi wird als opener auftreten, die Drehleier wird rappelvoll und wir alle werden sommerlich erholt sein, den Hunger in der Welt besiegt, den Weltfrieden hergestellt und den Klimawandel gestoppt haben. Oder hat jemand noch was anderes vor? Dann anmelden für die Herbstslams.